Der nächste Tag bricht an und ich traue mich kaum meine Augen aufzuschlagen. Es herrscht eine gewisse Angst in mir, dass der Hase vielleicht noch schlechter drauf ist, als gestern Morgen, dass ich vom Balkon falle, oder dass einfach nur irgendein Mist uns heimsucht. Wäre ja nicht das erste Mal. Aber Pustekuchen, es ist alles in Ordnung. Die Sonne scheint, und von unten irgendwo in der Nähe des Hotels höre ich das Schnattern einer Ente. Klingt genau wie der Klingelton vom Hasenhandy. Da habe ich für einen kurzen Moment den Gedanken, dass ihr Handy dort liegt. Ist letztendlich vielleicht ihr Handy runtergefallen, als sie sich übergebend übers Geländer gelehnt hat, während ich satt und zufrieden geschlafen habe?
Aber auch das trifft nicht zu. Es ist vielmehr so, dass mein Hase über Nacht so eine Art Wunderheilung genossen hat. Sie wacht auf, setzt sich auf die Bettkante und sagt zu meiner Überraschung, dass es ihr viel besser geht und wir können gemeinsam frühstücken. Ich danke dem Herrn für die spontane Genesung und bin wieder glücklich. Mit Hasen machen die Sachen einfach mehr Spaß als ohne Hasen.
Der Hase frühstückt noch ein wenig verhalten, aber ich gönne mir zur Feier des Morgens zwei Omelettes. Zubereitet von einem schweigsamen Griechen, dem ich dann immer sage, dass ich alles haben möchte, was er so anbietet für dieses Omelette. Wortlos folgt er meinen Wünschen und übergibt mir nach wenigen Minuten meine „Alles drin, was irgendwie geht“- Speise. Und murmelt dabei irgendwas, das in meinen Ohren wie Patengras, Hamwerdas oder Alter Gast klingt. Ich vermute, es ist Griechisch und soll in etwa heißen: „Nimm hin das Zeug und versperre hier nicht den Tresen!“
Das glückliche Frühstück mündet in einen schönen Strandvormittag. Alle freuen sich, dass der Hase und ich in einem Stück, komplett genesen und nicht ohnmächtig mit ins Wasser kommen und ich denke, dass es auch mal langsam Zeit wird, dass wir richtig Urlaub haben. Vorbei sind die Sorgen und wir blicken verheißungsvoll auf die paar Tage, die wir noch haben. Vielleicht könnte man ja auch nachmittags mal das Auto nutzen, dass wir schon eine Weile gemietet haben und mal die Umgebung abfahren. Ja, vielleicht könnte man das wirklich mal machen. Es ist wirklich schön, dass endlich alles von uns abfällt.
Wir bleiben recht lange im Wasser und als wir so rausgehen, da piekst mich im seichten Gewässer irgendwas an meinem linken Fuß in den großen Zeh. So wie ein Wespenstich. Aber mir ist schon klar, dass es unter Wasser keine Wespen gibt. Wahrscheinlicher ist da schon eher, dass ich auf eine Muschel getreten bin. Ist dann halt mal so. Ansonsten ist hier ja alles feiner Sand und da habe ich halt mal Pech gehabt.
Wieder am Ufer, bemerke ich, dass der Zeh schon ein bisschen mehr wehtut und ich gebe einen leichten Hinweis an meine Mitreisenden, dass ich irgendwie auf irgendwas getreten bin. „Ist aber nicht wild“, sage ich und betrachte meinen großen Onkel, der ein bisschen blutet. Im heißen Sand am Strand scheint es komischerweise etwas erträglicher zu sein, aber Dreck an der Wunde ist vielleicht nicht gut, weswegen ich mir den Fuß an einem Füßewaschwasserhahn in der Nähe abspüle.
Ich gehe wieder zurück zu den anderen und weise dezent darauf hin, dass der Schmerz nun stärker wird. Ich weiß einen Moment später kaum, wie ich sitzen, stehen oder liegen soll. Der Zeh brennt wie Feuer. Es ist, als ob in ihm ein Feuerzeug stecken würde und er von innen verbrennen wollte. Eigentlich tut es höllisch weh und ich gebe auch einige Schmerzlaute von mir, gepaart mit einigen unflätigen Flüchen.
Ich bin wirklich kein Weichei, aber ich habe das Gefühl, dass meine Reisegenossen genau das jetzt von mir denken. Der Zeh schmerzt wie Hölle und ich mache das auch unmissverständlich klar. Aber ich merke ein bisschen, wie man hinter meinem Rücken ein bisschen amüsiert ist, weil ich hier jaule, als ob man meinen Fuß mit einer Säge amputieren würde. Mittlerweile ist die Hälfte von der Hälfte meines Fußes auch schon reichlich gerötet und es scheint sich weiter auszubreiten. Und ich habe nicht die leiseste Ahnung, was zum Henke da los ist. Gibt es hier zornige Muscheln, die so etwas anrichten können? „Ich muss zu einem Arzt“, sage ich dem Hasen, der mit mir zur Rezeption geht, um zu fragen, wo denn ein einigermaßen vertrauensvoller Mediziner zu finden ist.
Währenddessen habe ich das Gefühl ich könnte mit meinem Zeh Zigaretten anzünden. Ich glaube er würde im Dunkeln auch leuchten. Wir laufen über die gesamte Hotelanlage und dann noch eine lange Treppe hoch bis zur Rezeption. Bei jedem Schritt schmerzt es wie Wolfgang Petry (Hölle, Hölle, Hölle) und ich tue es auch relativ laut kund und muss humpeln, als habe ich einen gebrochenen Fuß. Ich glaube die Leute am Pool und auch sonst überall starren mich an und sind ein bisschen peinlich berührt, dass ein erwachsener Mann so ein Drama macht.
An der Rezeption sind ein paar Angestellte und eine von ihnen sagt, dass ich ein warmes Fußbad bräuchte und ich habe das Gefühl, dass sie relativ genau weiß, was ich habe. Zu meinem Glück erfährt der Hase, dass ein Arzt sowieso unterwegs zum Hotel sei und er würde in wenigen Minuten auftauchen. Solange kann ich eintauchen, also meinen Fuß in eine Schüssel mit heißem Wasser, die mir gebracht wird. Und es ist das erste Mal seit einer halben Stunde, wo ich das Gefühl habe, es wird nicht mehr schlimmer. Gut ist es bei Weitem noch nicht, aber es scheint irgendwie zu helfen, das heiße Wasser.
Der Arzt kommt. Er ist ein Grieche, der allerdings sehr gut Deutsch spricht und der in der Nähe zwei Praxen betreibt. Er ist total nett und scheint sich auch ein bisschen zu freuen, mich als Fall zu haben. Er hört sich an, was ich zu sagen habe, fragt, ob es im seichten Wasser war, als ich auf die „Muschel“ getreten bin und hat in Windeseile eine Diagnose parat.
Es ist ein Drachenfisch gewesen, den ich dort im Meer zufällig „gefunden“ habe und der hat anscheinend Stacheln und wenn man auf so einen Fisch tritt und sich so ein Stachel in den Fuß bohrt, dann sondert der auch eine Art Gift ab, die zu einer heftigen Reaktion führt. Und ja, es ist eine sehr heftige Reaktion. Er habe in einer Badesaison im Schnitt 50 von solchen Fällen zu behandeln und ich sei der 30. sagt er. „Die gute Nachricht ist, dass Sie nicht allergisch reagieren“, sagt der Griechendoktor, „denn dann könnte es unter Umständen auch zum Atemstillstand kommen.“ Eine Aussicht, bei der mir ein bisschen die Luft wegbleibt.
Die Behandlung in solchen Fällen ist in der Regel, dass man ein heißes Fußbad nimmt (habe ich ja gerade), um das Gift unschädlich zu machen, dann sollte man eine Schmerztablette nehmen (hat mir selbstverständlich der Hase schon gegeben) , eine antiseptische Salbe auftragen (hat der Hase ausnahmsweise nicht dabei) und ein paar entzündungshemmende Tabletten einnehmen. Das war´s dann auch. Die Behandlung inklusive der Diagnose dauert gefühlt sieben Minuten, die Salbe besorgt er noch und dann gibt er mir vier von diesen Tabletten. Der ganze Spaß kostet dann schlappe 165 Euro. Ich glaube in meinem nächsten Leben werde ich Arzt in einem Urlaubsland.
Allerdings wäre in den Kosten auch eine mögliche Folgebehandlung enthalten. Sollte ich also merken, dass es bis morgen nicht besser wird, dann kann ich in eine Praxis von ihm kommen und bekomme dann eine Spritze oder dergleichen, ohne Mehrkosten. Aber ich glaube, er weiß, dass es mir schon sehr bald viel besser gehen wird und dass ich mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit nicht mehr zu ihm kommen muss. Selten waren 165 Euro leichter verdient.
Und man mag es kaum glauben, aber es geht mir beinahe genauso schnell wieder besser, wie es mir vorhin schlechter gegangen ist. Im ersten Moment, als es passierte und schlimmer wurde, hatte ich schon ein paar düstere Gedanken und mich innerlich schon ein bisschen vom Urlaub verabschiedet. Und außerdem habe ich auch langsam keine Lust mehr, das gefühlt alle fünf Minuten irgendeine Scheiße passiert. Habe ich irgendwann mal einem alten Menschen nicht über die Straße geholfen? Oder irgendeine kriminelle Handlung vollzogen, die das miese Karma hier rechtfertigt? Eigentlich bin ich doch ein „Netter“ und will nur in Frieden Urlaub machen. Vielleicht ist der Herrgott mir ein wenig böse, dass ich aus der Kirche ausgetreten bin. Man weiß es nicht.
Aber es wird ja, wie gesagt auch wieder besser. Es wird so schnell und so umfangreich besser, dass ich nachmittags auch wieder ins Wasser gehen kann. Und als ich rausgehe, habe ich das mulmige Gefühl im Hinterkopf, dass der Drachenfisch (der im übrigen auch Petermännchen heißt-das hat der Hase gegoogelt) mich noch einmal erwischt. Das wäre dann zweimal hintereinander und das hätte mein Arzt in seiner Laufbahn auch noch nie gehabt. Und wenn man schon im Flieger ohnmächtig gewesen ist, hat man doch eigentlich auch Talent für einmalige Maleschen.
Es bleibt aber aus und ich erlaube mir den Gedanken, dass jetzt doch wirklich endlich mal der Urlaub richtig losgehen kann. Zur Feier des Tages sind die Blutdruckwerte einigermaßen überschaubar und ich gönne mir abends zum Essen ein bisschen Wein. Für einem Moment bekomme ich einen hochroten Kopf, der aber schnell wieder verschwindet. Wir verbringen den Abend zu viert, ohne abfallende, oder brennende Gliedmaßen, Ohnmächte oder Magen-Darmbeschwerden.
„Geht doch“, denke ich, als wir zu unseren Zimmern gehen. Der Hase möchte dabei wieder in den dritten Stock und ich sage ihr, dass es den nicht gibt. „Seit wann?“, fragt der Hase. „Ich glaube seit vorgestern“, sage ich. Wir gehen zu unserem Zimmer und winken noch meinen Schwiegereltern zu, die schräg gegenüber, eine Etage tiefer ihr Zimmer haben. „Die wohnen im zweiten Stock“, sagt der Hase „und wir im Dritten!“
Wir machen uns Bettfertig und der Hase schläft mal wieder schneller ein, als eine F14 durch die Schallmauer fliegt. Mit dem monotonen Brummen meines Blutdruckmessgerätes (es spuckt den besten Wert seit langem aus), finde ich in einen halbwegs ruhigen Schlaf, während draußen eine Ente den Klingelton vom Hasenhandy imitiert. Und was ich da noch nicht weiß: Es werden noch einige Monate vergehen, in denen ich immer mal wieder die Einstichstelle des Drachenfisches spüre. Petermännchens Rache bleibt mir noch sehr lange erhalten.