Der zweite Tag verläuft alles in Allem ausgesprochen gesittet und störungsfrei. Wir haben im Vorfeld ein Auto gemietet, dass uns ein englischsprechender Grieche ins Hotel liefert. Natürlich hat er einen starken Akzent und nuschelt auch ein bisschen und natürlich haben der Hase und ich mit unserem Schulenglisch, oder den Resten davon, die im Hirn geblieben sind, auch nur ansatzweise verstanden, was er uns alles erzählt. Das meiste davon erzählt er uns während der Fahrt zu dem Laden, von dem wir dieses Gefährt gemietet haben. Dieser ist ein halbseiden scheinender Ort und eine leicht aufgetakelte Mittvierzigerin regelt mit uns das Vertragliche, während ihre Teenagertochter etwas teilnahmslos daneben sitzt.
Auch hier herrscht Englisch als Grundton und am Ende müssen wir irgendwelche Papiere unterschreiben und sind hinterher gespannt, ob wir neben dem Miete eines Wagens nicht auch noch unsere Seele verkauft haben. Aber eigentlich sind wir auch irgendwie sicher, dass alles gut geht. Schließlich hat der Hase im Vorfeld gefühlt 240 Stunden damit verbracht, online Anbieter zu finden, zu vergleichen und mit ihnen in Kontakt zu treten. Man macht das heute so. Um die Dinge vor Ort zu vereinfachen, macht man eben alles online. Das spart Zeit. Also vor Ort. Zu Hause sorgt es eigentlich nur für anhaltende Verwirrung, tiefe Ringe unter den Augen und entfremdete Ehepaare.
Das macht bei uns eigentlich immer der Hase. Also die erste Ermittlung. Natürlich könnte ich mich auch darum kümmern, aber ich glaube ich würde einfach viel zu schnell zuschlagen. Ich bin schneller zufrieden und übersehe auch gerne mal die ein oder andere Kleinigkeit, die eventuell wichtig sein könnte. Da ist der Hase gründlicher. Viel gründlicher. Sehr viel gründlicher. Enorm viel gründlicher. Vielleicht auch schon ein bisschen zu gründlich und auch immer etwas misstrauisch und am Ende auch nicht immer sehr entscheidungsfreudig. Und wenn der Hase nach 232 Stunden der Suche sich auf zwei Anbieter konzentriert, dann werde ich mit ins Boot geholt-egal ob ich will oder nicht. Und dann gibt es kein Vertun, ich muss mithelfen. In diesen Momenten ist der Hase mit den Nerven auch schon ein bisschen fertig und ich wage nicht zu widersprechen. Nach dreißig Jahren Ehe, weiß ich, wann ich meinen Hasen in Watte packen sollte.
Also setzen wir uns zu zweit an den Rechner. Die Stimmung ist gereizt, ich habe keinen Bock auf den ganzen Kram und würde lieber blindlings vor Ort irgendwas von irgendwem mieten, egal ob es vier Räder oder acht Hufen hat….Hauptsache man kommt vorwärts. Ich glaube das haben wir früher auch so gemacht. Also ich meine, früher hat man einfach irgendeinen Anbieter vor Ort genommen und der hat einem dann ein Auto angedreht. Das ging dann einfach so. Aber der Hase sagt, dass wir dann nichts mehr kriegen werden, weil eigentlich alle online schon die guten Autos buchen. Vielleicht hat sie Recht. Ich jedenfalls möchte es nicht darauf ankommen lassen. Aber im Endeffekt hat es diesmal geklappt. Das Auto sieht besser aus, als es der Laden vermuten lässt und wir, also der Hase und ich, machen schon mal eine erste Fahrt, um einen ersten Eindruck von der Insel zu kriegen.
Dieser ist immer für mich noch ein bisschen verhalten, obwohl heute auch schon die Sonne scheint und Oma und Opa schon an den Strand gegangen sind und eventuell auch ins Meer wollen. Es ist schließlich Urlaub. Der Hase und ich bekommen nach unserer Rückkehr ins Hotel unser neues Zimmer zugewiesen. In der oberen Etage, die ja, obwohl eine 3 im Fahrstuhl steht, die zweite Etage ist. Was irgendwie immer zu Verwechslungen führt. Wir gehen zu unserem Zimmer und ich sage: „Da sind wir, im zweiten Obergeschoss.“ Und der Hase sagt: „Aber unsere Nummer ist doch die 328, das muss doch die dritte Etage sein. Müssen wir nicht noch eine Etage höher?“ „Können wir gerne machen, aber es gibt über uns keine Etage mehr.“ Der Hase guckt nach oben, sieht was ich meine, glaubt mir irgendwie nicht so ganz, aber folgt mir trotzdem, als ich die Zimmertür öffne.
Wir haben nun keinen Pool mehr vor der Terrassentür. In erster Linie allein schon, weil wir keine Terrassentür, sondern eine Balkontür haben, die somit auf einen Balkon führt, von dem aus wir einen seitlichen Meerblick haben. Viel schöner und grandioser ist allerdings der Blick auf das Inselinnere mit einigen Bergen, die in ziemlich kurzer Distanz zu unserem Hotel aus dem Boden wachsen. Der junge Mann in mir, also der, der sich noch wirklich bewegen konnte, möchte da am liebsten sofort hochlaufen, aber der Realist, ebenfalls in mir, muss nicht lange reden, es geht nicht. Da messe ich doch glatt nochmal meinen Blutdruck, der noch weniger gut ist, als ich es gerne hätte. Aber man kann ja nicht alles haben.
Wir gehen an den Strand, an dem wir, obwohl wir keine Handtücher haben werfen lassen, direkt neben Omma und Oppa zwei freie Liegen ergattern und weil wir gerade so in Schwung sind, gehen wir vier auch ins Wasser. Das ist im ersten Moment viel kälter als ich gedacht habe, aber wir gehen trotzdem rein. Jeder in seinem Tempo. Oppa schaufelt sich mit den Händen ein bisschen Wasser über den Oberkörper und geht unbeirrt weiter, bis er dann, die Handflächen aneinander gepresst, zu einer Art Kopfsprung ausholt und sich mit den Händen zuerst und dann dem Rest vom Oppa in die kalten Fluten stürzt. Omma sagt so etwas wie: „Köpfchen unters Wasser, Schwänzchen in die Höh!“ Ich lasse das mal unkommentiert so stehen.
Wir anderen drei gehen eher langsam immer weiter und geben dabei einige hohe Töne von uns. Ich scheine dabei mehr Oktaven zu haben als Whitney Houston. Aber wir schaffen es und dann paddeln wir ein bisschen rum. Es fällt ein bisschen die Anspannung von mir ab und ich erlaube mir, zum ersten Mal seit dem Hinflug, ein bisschen Urlaub zu fühlen. Richtig fröhlich bin ich zwar noch nicht, aber es besteht zumindest Hoffnung.
Der Tag verläuft ansonsten gut und am Abend sitzen wir zu viert noch in einer Bar, während draußen ein Animationsprogramm läuft. Die Stimmung ist insgesamt gut und wir sind seniorengerecht auch schon schnell müde. Nach einem abschließenden kleinen Sahnelikör für die Damen und einem Wein für Oppa und einem Sparkling Water für mich, gehen wir auf die Zimmer und ich erkläre dem Hasen, dass es über uns keine weitere Etage gibt. Sie glaubt mir immer noch nicht, aber sie folgt mir ins Zimmer. So weit, so gut.
Bis morgens halb sechs ist auch alles prima. Dann wendet sich das Blatt. Und nein, ich zicke nicht wieder rum. Es geht mir soweit gut. Der Hase sitzt nur auf der Bettkante und macht ein paar komische Geräusche. „Alles in Ordnung?“, frage ich schlaftrunken. Sie müsse dies verneinen, sagt der Hase, weil sie sich ein bisschen unpässlich fühle. Oder so ähnlich. Genaugenommen sitzt sie da, stöhnt und ächzt und sagt: „Ich glaub ich muss kotzen!“ Mir wird mulmig, weil ich bei sowas ein totales Weichei bin. Ich kann es überhaupt nicht ab, wenn jemand seinen Mageninhalt geräuschvoll wieder durch den Hals würgen muss. Und wenn ich sowas riechen muss, bin ich kurz davor selbst zu erbrechen.
Ich versuche noch, den Hasen etwas zu beruhigen und eventuell abzulenken, weil ich denke, so schlimm wird´s schon nicht sein. Ist es aber. Und noch viel schlimmer. Also so richtig schlimm. Auf sämtlichen Kanälen wird das Innere nach außen gekehrt und der Hase wird zusehends blasser und schwächer. Ich mache mir Sorgen. Aber dann scheint alles raus zu sein. Oder doch nicht. Dann wieder, danach wieder nicht. Das geht eine ganze Weile so weiter. Bis der Hase mit schwacher Stimme sagt: “ Geh du mal frühstücken und bring mir einen Zwieback mit.“ Ich heuchle noch, dass ich ja nicht in Ruhe essen könne, wenn ich wüsste, dass es ihr schlecht ginge, sage ich dem Hasen, während ich eine angemessene Kleiderordnung herstelle und zum Frühstück gehe.
Warum muss eigentlich immer Drama sein, wenn wir mal wegfliegen? Auf Malle hatten unser Sohn und ich Sonnenallergie, in der Türkei, damals vor vielen Jahren hatte unser Sohn die Kotzeritis, während ich einen großflächigen und brennenden Hautausschlag an einem Abend auf dem gesamten Rücken hatte, auf Kos hatte ich einen großen juckenden Fleck am Bein, zur Hinreise nach Gran Canaria hatte ich eine Lungenentzündung, die mich noch die ersten Tage beschäftigte, diesmal der Blutdruck und dazu noch die Ohnmacht im Flieger und nun noch der Hase. Es ist, als ob uns die südlichen Inseln irgendein Zeichen geben wollen und wir es einfach nicht deuten können.
Mir fehlt mein Hase beim Frühstück, aber das Omelette, das ich für mich als „das Frühstück“ auserkoren habe, schmeckt trotzdem sagenhaft. Nur widerwillig erlaube ich mir, es zu genießen. Omma und Oppa kommen und ich verbreite die unfrohe Kunde, dass mein Hase, also ihre Tochter gerade aus allen Rohren schießt und es ihr dementsprechend schlecht geht. „Aber wir können dann ja etwas später mit dem Auto ein bisschen durch die Gegend fahren“, meint Omma. „Der Hase wird nirgends hinfahren, an diesem Tag“, sage ich, “ es sei denn wir nehmen einen Toilette mit.“ Und abgesehen davon wird sie einfach zu schwach auf den Beinen sein, vermute ich.
Und ja, sie ist total geschwächt. Ein wenig unbeholfen, versuche ich ihr hilfreich zur Seite zu stehen, als ich nach dem Frühstück wieder im Zimmer bin. Aber es nützt nichts. Man kennt sowas ja selber. Wenn es einem nicht gut geht, möchte man am liebsten alleine bleiben und still vor sich hin leiden. Und so werde ich, beinahe ein wenig unhöflich, vom Hasen vor die Tür geschickt, mit der Aufgabe mich am Strand rösten zu lassen, im Meer zu baden und nett Mittag zu essen. Enorme Herausforderungen, ich weiß, aber ich bin gewillt mich ihnen zu stellen.
Ich liege also am Strand, die Sonne scheint und es wird wirklich richtig warm und im Wasser ist es angenehm abkühlend und mittags essen wir, also ich mit meinen Schwiegereltern in einem hoteleigenen Restaurant, direkt in Strandnähe. Alles ist super, es geht kaum noch besser. Aber ich weiß genau, dass mein Hase genau das hier so richtig toll finden würde. Und sie kann nicht dabei sein, weil sie flach im Bett im Hotelzimmer liegt und das tut mir mal so ganz wirklich leid. Aber ändern kann ich momentan auch nichts.
Ich komme noch einmal aufs Zimmer, aber der Hasenzustand ist unverändert schlecht. Einen Arzt möchte sie nicht konsultieren und zu sich nehmen kann sie rein gar nichts. Auch nicht die Elektrolyte, die sie natürlich, was denn sonst, in Pulverform in der unfassbar umfangreichen Reiseapotheke hat. Alles was sie zu sich nimmt, möchte schneller wieder raus, als es reingekommen ist. Ich überdenke meinen Plan, ihr von dem leckeren Mittagessen erzählen zu wollen. Ein letzter Rest Sensibilität ist auch noch in mir vorhanden.
Die Nachmittagsstrandsession bringt auch keine Veränderung und als ich wieder zurück beim Hasen bin, muss ich feststellen, dass sie sich warm anfühlt. „Ich glaub du hast Fieber, wir sollten messen“, sage ich. Aber, oh Wunder, es gibt eine Lücke in der Hasenvorbereitung. Wir haben kein Fieberthermometer. Ich flitze also zur Rezeption und frage nach. Sie haben doch tatsächlich zwei Stück davon auf Lager. Allerdings kommen wir damit nicht klar. Das sind diese Art von Thermometern, die man an die Stirn hält und die dann in Windeseile messen. Kriegen wir aber nicht hin.
Also schnappe ich unser gemietetes Auto und fahre zur nächstbesten Apotheke, und kaufe ein Fieberthermometer und eine Flasche Nasenspray. Die alte Frau hinterm Tresen kann in erster Linie Griechisch und auch einigermaßen gut Englisch. Was beim Nasenspray hilft, aber ich wüsste nicht, was Fieberthermometer auf Englisch heißt und auf Griechisch schon gar nicht. Also lasse ich es über mein Handy schriftlich auf Griechisch übersetzen. Das Ergebnis sieht in etwa so aus, wie die unregelmäßige Linie von meinem EKG, aber die Angeschriebene weiß sofort, was ich haben möchte.
Ich brause zurück, und messe und ja, der Hase hat auch ein wenig Temperatur….38,5°C, Tendenz allerdings rückläufig. Aber alles in allem mache ich mir schon ein paar Sorgen mehr. Mein Hase liegt schwach und ermattet im Hotelbett, weit entfernt davon sich aufzusetzen oder mal ein paar Schritte zu gehen. Wie soll da der Rest vom Urlaub werden. Es ist wortwörtlich echt zum Kotzen.
Widerwillig gehe ich zum Abendessen mit Omma und Oppa und es ist (widerwillig festgestellt) auch wieder wirklich lecker. Hase hin und Hase her, ich habe irgendwie Hunger und genieße das Mahl. Aber rein Stimmungsmäßig fehlt der Hase an allen Ecken und Enden. Nicht weil wir drei Verbliebenen nicht miteinander klar kämen. Nein, einfach nur, weil ich weiß, was meinem Hasen entgeht. Getränketechnisch lasse ich es aus Kummer mal krachen und trinke Cola. Wasser ist einfach nicht stark genug.
Wir verlassen das „Main Restaurant“ und ich möchte aufs Zimmer, dem Hasen Beistand leisten, egal ob sie will oder nicht. Wir gehen eine Treppe hoch und werden von einer Horde wildgewordener Kinder, die ihrer Animation anheim gefallen sind, eingekreist. „Der Zug hat keine Bremsen“, dröhnt es ohrenbetäubend aus den Lautsprechern und die Kinder sind quietschvergnügt. Ach, denke ich, manchmal wäre man doch gerne nochmal ein Kind.
Ich komme ins Zimmer und der Hase hat gerade einen halben Zwieback gegessen und dreieinviertel Schluck Wasser getrunken. Ich glaube es geht ihr etwas besser. Das Fieber ist weg und Zwieback und Wasser wollen nicht sofort wieder raus aus dem Magen. Vielleicht haben wir ja Glück und es geht ihr morgen wieder einigermaßen gut. Ein bisschen Hoffnung kann nicht schaden.